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Die Klage über die Schärfe des Wettbewerbs ist in Wirklichkeit meist nur eine Klage über den Mangel...

Walther Rathenau (1867 - 1922)

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Konflikten ausweichen oder 10 Prozent für 100 Prozent Zukunft?

Frühjahr 2008.
Eine private Fachhochschule irgendwo in Deutschland.
Zwei Tage Seminar zum Thema Konfliktmanagement.
Kein Problem - sozusagen. Haben wir bisher immer sehr dynamische Runden, interessierte und engagierte Teilnehmer und gute Feedbacks verzeichnen können.

Freitag, erster Tag:
Alles ist vorbereitet, bestes Equipment vorhanden, Location okay, erwartete Anzahl an zuhörenden BWL-Studenten liegt bei ca. 50.
Oder richtiger formuliert: ca. 50 zukünftige Absolventen des Studienganges "Master General Management" bilden das Auditorium.
So zumindest lautet die mir vorliegende Ankündigung der Zielgruppe.

Das Seminar beginnt.
Anfangs mit 12 Zuhörern; weitere vier treffen in der nächsten halben Stunde ein.
Nun ja, ein sonniger Tag, dieser Freitag. Da kämpft das Wetter gegen das studentische Gewissen. Zumal die Teilnahme an dieser Veranstaltung sozusagen freiwillig und das Thema sowieso nicht prüfungsrelevant ist, wie ich später erfahre.

Kurze Vorstellungsrunde.
50 Prozent Worthülsen zur eigenen Person. Katastrophal, aber scheinbar auch darum ist das Training von Soft Skills in den Fokus der Hochschulleitung gerückt. Wo ist hier die kreative Energie?

Anschließend Sammeln der Erwartungshaltungen.
Schon seltsam, wie wenig 16 junge Menschen erwarten. Nicht mal ein ganzes Flipchart-Blatt voll.
Was ist den jungen Leuten in der Vergangenheit nur widerfahren?

Ganz wichtig für die Studenten: "Wir müssen uns in die Anwesenheitsliste eintragen." Ja, klar...

Ein wenig Theorie, ein paar Praxisbeispiele, Diskussionsrunden, Rollenspiele, Edutainment - und das Seminar nimmt an diesem Tag noch ein gutes Ende.

Samstag, zweiter Tag:
Super Wetter. Wochenende. Und erstaunlicherweise knapp 40 (fast) geneigte Zuhörer im Raum. Erster wichtiger Punkt seitens der Zuhörer: Anwesenheitsliste!
Von den gestrigen 16 mache ich nur 6 bekannte Gesichter aus.

Der heutige Tag baut auf dem gestrigen auf. Mal sehen, wie das jetzt gehen soll.
Ein paar Sätze zur Einführung ins Thema, kurze Zusammenfassung der Inhalte des Vortages.

Der Versuch, etwas mehr Stimmung in den Laden zu bringen, scheitert genau an dem Punkt, als ein bebrillter, blonder, mit exaktem Seitenscheitel und teurem Businesshemd gestylter junger Mann - ich tippe auf Beruf Sohn - die Financial Times des Vortages demonstrativ aufschlägt und beginnt, mit seinen beiden Nachbarn, deren Alpha-Tier er zu sein scheint, darin zu lesen.

Ich mache eine kleine Redepause, schaue ihn an, andere tun es mir gleich, warten auf Reaktion. Nichts außer Ignoranz und Arroganz. Das Schweigen wird unerträglich.

Okay, kleine Provokation gefällig?
"Sagen Sie, warum fallen mir gerade jetzt so viele Witze über BWLer ein? Können Sie mir da weiterhelfen?"
Konnte er nicht. Einige andere, die zwischenzeitlich mit SMS-Kommunikation und Kreuzworträtseln beschäftigt waren, auch nicht.

Der Albtraum vom XY-Consultant unter 30, Gesandter einer wirklich großen Unternehmensberatung, im Designer-Outfit, mit Notebook unterm Arm wandernd durch ein mittelständisches Unternehmen, schleicht sich an meinem geistigen Auge vorbei.
Kurze Klarstellung, was meine Erwartungshaltungen an künftige Führungskräfte sind - und offizielle Pause.

Nach dieser Pause besteht die Zuhörerschaft noch aus 12 Personen. Und das ist gut so.
Eben wie im richtigen Leben, wo sich die Spreu vom Weizen oder Schein und Sein relativ schnell trennen.
Jetzt geht es etwas beschwingter und für beide Seiten auch erfüllender weiter.

Mittagspause.
Ein paar Abmeldungen wegen anderer Termine - und nach der Pause sind wir alle insgesamt noch zu fünft.

Es entwickelt sich eine hervorragende Arbeitsatmosphäre. Kritisch, kreativ, engagiert und lösungsorientiert. Schließlich ist das Thema ja Konfliktmanagement.

Die vier jungen Männer zeigen sich beschämt über die Situation, erzählen mir, dass dies keine Ausnahme sei und auch schon bei anderen Gastdozenten aus der freien Wirtschaft öfters vorkam, und fragen sich und mich, welchen Eindruck so etwas wohl hinterlassen würde. Die Frage ist berechtigt.

Ich bedanke mich für ihre Offenheit und antworte:
"Genau Sie haben das Potenzial der 10 Prozent, die es schaffen, aus der Masse herauszutreten und als Führungskräfte die 100 Prozent Zukunft aktiv mitzugestalten."

Konflikten ausweichen? Nein, danke!

Wir werden uns als Unternehmen weiterhin dafür einsetzen, dass derartige Geschichten der Vergangenheit angehören.

25.06.2008